ESG als Chance oder Bedrohung für aktive Fondsanbieter?

Vor Kurzem hat ein Vorstand von einem der ganz großen Fondsanbieter mich um meine Antworten auf vier für ihn wichtige Fragen gebeten. Hier sind seine Fragen und meine Antworten:


Vertragen sich passive Anlagen mit aktivem ESG-Management?

Passiv ist passiv und sollte nicht mir aktivem ESG-Management vermischt werden. Meine Antwort auf diese Frage ist daher „Nein“.

Die Frage ist aber natürlich, was genau unter aktiv und passiv verstanden wird. Ich sehe z.B. eine voll regelbasierte Strategie, die zur häufigen Veränderung von Portfolios führen kann, als passiv an (siehe auch hier). Beispiel: Ich nehme nur Aktien ins Portfolio, die Top E, S und G Scores haben. Dazu nutze ich einen Datenlieferanten. Wenn dieser unterjährig die E, S und G Scores – z.B. unter Nutzung von maschinellem Lernen – häufig verändert, kann das Portfolio automatisch angepasst werden und ist trotzdem noch passiv, solange die Regeln nicht geändert werden (siehe z.B. hier).

Das kann allerdings zu relativ hohen Transaktionskosten führen. Anleger erwarten von passiven Portfolios jedoch niedrige Kosten. Durch den Vorabausweis erwarteter Gesamtkosten inklusive Transaktionskosten kann Transparenz geschaffen werden. Deshalb sollte man den Begriff „passiv“ durch „regelbasiert“ ersetzen und um „transaktionsfrei“ bzw. „transaktionsarm“ ergänzen, um Klarheit zu schaffen.

Aktiv ist ein Portfolio demnach, wenn es nicht komplett regelabhängig ist. Dazu gehören alle diskretionären Portfolioeingriffe. Auch sogenanntes Engagement bzw. Stimmrechtsausübungen dürften nur schwer regelbasiert umsetzbar sein. Allerdings kann man geteilter Ansicht sein, ob man lieber ohne Engagement in die besten Unternehmen oder mit Einflussnahme in eher schlechtere Unternehmen investieren sollte (siehe hier).

Sind die Anreize für passive Manager nicht konträr zur einem konsequenten ESG-Management?

Einerseits stimmt das: „Passive“ Produkte werden oft als besonders günstig beworben/angeboten und Anbieter können Kosten sparen, wenn sie keine bzw. nur geringe Kosten für ESG haben.

Andererseits ist zu erwarten, dass Anleger bei zwei vergleichbaren Produkten eher das verantwortungsvolle als das traditionelle Produkt kaufen (siehe z.B. hier). Der Anbieter eines passiven ESG-Produktes hat also Anreize, ESG-Daten zu nutzen. Ich würde die Frage daher mit Nein beantworten.

Wer profitiert und wer verliert von den langfristigen Trends zu mehr passiven Anlagen und zu mehr ESG-Anlagen?

Wenn die Trends zu passiven und ESG Anlagen anhalten, werden Fondsanbieter mit diesen Schwerpunkten davon profitieren. „Aktive“ Manager müssen schon heute ESG Aspekte für institutionelle Anleger berücksichtigen.

ESG wird meiner Erwartung nach immer wichtiger für aktive Manager werden, d.h. ESG wird immer stärker die Allokation und die Titelselektion bestimmen (siehe z.B. hier). Mit dem Trend zu passiven Anlagen wird zudem Druck auf die Kosten „aktiver“ Fondsanbieter ausgeübt. Das wird dazu führen, dass die komplette Wertschöpfungskette aktiver Anbieter optimiert werden muss.

Ich erwarte daher unter anderem, dass ähnlich wie schon Vanguard, Fidelity, Schwab etc., auch europäische Assetmanager zusätzlich zu ihren bisherigen Vertriebswegen „prozesseffiziente“ Robo-Advisors für ihre Vermittler und Endkunden anbieten werden (siehe hier).

Aktive Assetmanager, die frühzeitig auf ESG-Angebote und Automatisierung setzen, werden dabei Vorteile gegenüber anderen aktiven Managern haben. Aufgrund der großen Vielfalt möglicher ESG-Portfolios werden zudem die Vermögensverwalter im Vorteil sein, die auch kleine (ESG-)Portfolios effizient (risiko-)managen können.

Welcher Marktanteil passiver Anlagen zerstört die Funktionsfähigkeit der Kapitalmärkte?

Ich denke nicht, dass Kapitalmärkte zusammenbrechen würden, selbst wenn sie 100% passiv (im Sinne von regelbasiert) wären. Hier sind meine Thesen im Detail:

Erstens: Aktives Management bringt im Schnitt dauerhaft keine Outperformance.
Manche aktiven Manger werden künftig weiterhin zeitweise outperformen, aber es gelingt selbst Profis nur sehr selten, diese Manager vorab zu identifizieren.

Zweitens: Aktive Manager haben oft breite Produktpaletten unter denen es fast immer auch Outperformer für Vergangenheitsperioden gibt. Außerdem gibt es modische Anlagethemen. In beiden Kategorien wird Beratern/Vermittlern/Anlegern künftige Outperformance – unterlegt mit Marketingaufwendungen – suggeriert. Es wird daher weiter zahlreiche „aktive“ Angebote geben.

Drittens: Selbst bei einem Provisionsverbot werden Berater/Vermögensverwalter sich mit angeblich besonders guten Prognose- und/oder Selektionsfähigkeiten profilieren wollen. Sie werden dabei auch deshalb gerne aktive Fonds nutzen, u.a. weil dadurch das Selektionsuniversum erhöht und die Transparenz für Anleger reduziert wird.

Viertens: ESG bietet aktiven Managern ein besonders attraktives Feld, weil es viele ESG-relevante News gibt, die genutzt werden können und weil einfach nachvollziehbare aktive Einflussnahme auf Emittenten genommen werden kann. Dabei ist von Vorteil, dass man nicht unbedingt beweisen muss, dass die News oder das Engagement die Performance erhöhen.

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