Faktor-ETFs: Gut für Anbieter aber schlecht für Anleger? Ein Plädoyer für gleichgewichtete Benchmarks

Faktor-ETFs, also ETFs, die auf künftige Outperformance z.B. von „Low Risk“  setzen, werden seit einiger Zeit sehr erfolgreich verkauft. Aber Faktor-ETFs werden viele Anleger enttäuschen.

Ich denke, dass Smart-Beta eine große Konkurrenz für sogenannte aktive Fondsmanager ist. Dabei verstehe ich Smart-Beta als alle „einfachen“ im Sinne von indexgeeigneten voll-regelbasierten Strategien, die von Kapitalgewichtungen abweichen).

Warum? Aktive Fondsmanager sind oft nur wenig „aktiv“, selbst wenn sie viel handeln, d.h. sie orientieren sich sehr oft eng an Benchmarks. Und wenn sie stark von Benchmarks abweichen, heißt das noch lange nicht, dass diese dauerhaft outperformt werden. Insoweit ist Kritik an der neuerdings populären Kennzahl „Active Share“ als angeblichem Indikator für Outperformance gerechtfertigt.

Die geringe statistische Outperformance von Benchmarks durch aktive professionelle Fondsmanager ist erstaunlich, denn viele Studien zu Index- bzw. regelbasierten Strategien zeigen, dass kapitalgewichtete Indizes relativ einfach geschlagen werden können. In den meisten mir bekannten Studien die verschiedene Faktor-Indexmethoden vergleichen, schneiden kapitalgewichtete Indizes am schlechtesten ab, zumindest in Bezug auf Rendite und Sharpe-Ratios, also risikoadjustierte Renditen. Die vom jeweiligen Autor der Studie präferierte Gewichtungsmethode schneidet in der Regel am besten ab (oder wird deshalb präferiert). Allerdings unterscheidet sich die präferierte Methode von Autor zu Autor oft stark und selbst bei ähnlich lautenden Indizierungsmethoden wie „Low Risk“ wird „Low Risk“ oft unterschiedlich definiert.

Interessanterweise schneiden in solchen Vergleichsstudien gleichgewichte Aktienportfolios fast immer gut ab. Als Small Cap und Value noch gut liefen, wurde das auf eine Small Cap oder Value Übergewichtung von gleichgewichteten im Vergleich zu kapitalgewichteten Indizes zurückgeführt. Das gute Abschneiden von Gleichgewichtung ist meiner Beobachtung nach aber auch in Phasen festzustellen, in denen Small Cap oder Value nicht gut laufen. 

Faktor-ETFs nutzen aber nicht nur andere Gewichtungen als Kapitalgewichtungen, sondern zum Teil auch andere (regelbasierte) Titel-Selektionsmethoden. Ich habe bewusst noch keine Studie gesehen, welche die Outperformance von Faktor-Ansätzen nach Gewichtungs- und nach Selektionsbeiträgen trennt. Ich habe auch noch keine Faktor-ETFs gesehen, die sich an gleichgewichteten Benchmarks messen. Ich vermute, dass das Ergebnis enttäuschend sein würde und Gleichgewichtung einen erheblichen Teil von angeblicher Faktor-Outperformance gegenüber kapitalgewichteten Indizes erklären kann.

Anleger möchten zudem auf Faktoren setzen, die künftig outperformen. Verlässliche Faktorperfomance und -risikoprognosen sind aber sehr schwierig. Studien zeigen, dass mit dem Bekanntwerden von angeblicher vergangener Faktoroutperformance diese relativ schnell und fast vollständig verschwinden kann. Vergangene Faktor-Outperformance ist also keine gute Indikation für künftige Faktor-Outperformance. Und Multi-Faktor Anlagen multiplizieren die Single-Faktor Probleme nur.

Anleger können trotzdem vom Faktor-ETF Trend profitieren. So ist es sinnvoll, Faktoranalysen seiner Bestandsportfolios zu machen. Teure Faktorabhängigkeiten z.B. in Form von Hegefonds-Investments kann man, wenn deren Faktorabhängigkeiten im Zeitablauf stabil sind, durch wesentlich billigere Faktor-ETFs ersetzen. Und wenn man an Faktortiming glaubt, sollte man sich entsprechende Produkte ins Portfolio nehmen.

In Ermangelung guter Faktorprognosefähigkeiten sollte man eine möglichst breite Faktordiversifikation in seinem Portfolio anstreben. Der konzeptionell überzeugendste Ansatz ist es, ein Portfolio möglichst günstiger klassischer (kapitalgewichteter) ETFs oder Indexfonds zu bilden. Dann wird die Faktordiversifikation dieses Portfolios gemessen. Wenn man Faktorabhängigkeiten des Portfolios ändern möchte, kann man dafür durchaus Faktor-ETFs einsetzen. Allerdings ist es schwer, eine „ideale“ Zielfaktordiversifikation festzulegen. Multi-Faktor ETFs passen aber kaum  in ein derartiges Konzept.

Man sollte nicht erwarten, mit Faktor-ETFs eine besonders attraktive dauerhafte Outperformance gegenüber klassischen Indizes zu erreichen. Denn wenn in Zeiten von guten Renditen für Mid-Caps auf Small Cap Faktor-ETFs setzt, kann man schnell enttäuscht werden. Und „Low Risk“ ETFs scheinen derzeit möglicherweise schon überkauft zu sein. Um kapitalgewichtete Indizes dauerhaft zu schlagen, bieten sich meines Erachtens noch am ehesten gleichgewichtete Portfolios an, bei denen man allerdings auf geringe Implementierungs- bzw. Rebalanzierungskosten achten sollte.

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