Risikomanagement: Aktiv ist schlechter als passiv (Robo-Advice)

Die folgenden Beispiele sind entweder schon von mir veröffentlicht worden oder basieren auf kostenlos öffentlich verfügbaren Daten und Tools. Daher werden unterschiedliche Beispiele für die verschiedenen Perioden genannt. 

Pseudo-Optimierte Portfolios vom Robo-Advisor

Kurzer Hintergrund: Voll-automatisierte Robo-Advisors ermöglichen digitales Onboarding, bieten also die Möglichkeit online ein Depot zu eröffnen. Sie bieten außerdem Tools zur individuellen Risikoeinschätzung an. Auf dieser Basis berechnet der Robo-Advisor ein „optimales“ Portfolio für den Anleger. Dafür muss eine optimale Allokation zu Anlageklassen gefunden werden und ideale Instrumente zur Umsetzung, meistens Investmentfonds. Hinzu kommt die automatische Portfolioimplementierung im Depot des Anlegers inklusive der regelmäßigen Überprüfung und Umschichtung („Rebalanzierung“).

Inzwischen gibt es ganz unterschiedliche Typen von Robo-Advisors. Die typischen Robo-Advisors nutzen Optimierungsmodelle (siehe hier). Die Umsetzung erfolgt mit günstigen Indexfonds (ETFs, d.h. Exchange TradedFonds). Dieses Modell wird von den meisten unabhängigen und ETF-Anbietern verfolgt.

Traditionelle Anbieter sind nicht voll regelbasiert

Inzwischen bieten auch traditionelle Vermögensverwalter Robo-Advisors an. Diese nutzen für die Umsetzung aber oft relativ teure aktiv gemanagte Fonds. Da gilt zum Beispiel für Visualvest von der Union Investment der Volks- und Raiffeisenbanken oder Bevestor der Sparkassen. Robin von der deutschen Bank nutzt zwar ETFs, dafür werden die Allokation zu Assetklassen und das Risikomanagement „aktiv“.

Risikomanagement 2008: Aktiv Manager waren schlechter als passive Allokationen

Nach der Finanzkrise 2008 habe ich mich mit Kollegen intensiver mit dem Thema aktiv versus passiv beschäftigt. In unserem Diversifikationsbuch haben wir unter anderem festgestellt: Aktiv gemanagte Fonds sind schlechter durch die Krise gekommen, als einfache passive Allokationen. Sie haben im Schnitt höhere Verluste in der Krise gehabt und auch in guten Märkten nicht dauerhaft outperformt. So haben Manager mit Schwerpunkt Aktien Welt in 2008 3,5% mehr verloren als der MSCI Weltaktiendindex, Manager mit Scherpunkt Europalagen 1,7% unter dem Vergleichsindex und Manager mit Schwerpunkt USA 3,9% Söhnholz/Rieken/Kaiser 2010, S. 142-145). Auch Misch- und Multiassetfonds haben in 2008 relativ hohe Verluste gehabt (ebenda S. 34).

Wir haben auch festgestellt, dass Optimierungen extrem stark von den genutzten Modellen, Restriktionen und Daten abhängen. Daher spreche ich gerne von Pseudooptimierungen. Einfache Regeln haben oft bessere Ergebnisse, aber auch niedriger Risikengeliefert, als komplexe Modelle (siehe Z.B. Söhnholz/Rieken/Kaiser im Abschnitt zu Naive Asset Allokation S. 101-110). Aber natürlich funktionieren nicht alle einfachen Regeln. So sind von Privatkunden oft genutzte Stopp-Loss Regeln kritisch zu sehen (siehe hier). Das Hauptproblem mit solchen Ansätzen: Sie funktionieren zwar manchmal in Bezug auf einen rechtzeitigen Verkauf von Investments, geben aber keine guten Wiedereinstiegssignale. Damit bliebt die Gesamtrendite oft stark hinter anderen Portfolios zurück.

Risikomanagement 2000 bis 2002:  Einfache Regeln hätten gut funktioniert

Interessenten können die Performance einzelner Fonds („Fund Performance“), die von Optimierungen („Portfolio Optimization“) und einfachen Regeln (Backtest Asset Allocation“ und „Timing Models“) selbst prüfen (s. www.portfoliovisualizer.com). Leider sind diese Daten nur für in den USA zugelassene Fonds verfügbar, in US Dollar aufgeführt und inflationsbereinigt, was die Vergleichbarkeit mit deutschen Verhältnissen erschwert. Aber im nächsten Abschnitt stelle ich ein anderes kostenloses Tool für deutsche Anleger vor.

Hier ist ein Beispiel, wie einfache Regeln funktionieren können: Eine Allokation zu je einem Viertel in US Aktien, nicht-US Aktien, US Anleihen und nicht-US Anleihen (ohneUS Dollar Hedge) hätte in 2000 -4%, 2001 -5% und 2002 -2% und in 2008 -20% eingebracht. Die US-Aktienmärkte hätten in diesen Jahren -11%, -11%, -21% bzw. -31% gemacht. Eine einfache Trendfolgestrategie (mit der Moving Average Standardeinstellung auf www.portfoliovisualizer.com) auf den Vanguard 500 Index Investor Fund (VFINX) hätte in 2000 0%, 2001 +4%, 2002 -5% ergeben und in 2008 +2%.

Auch in anderen – besseren – Anlageperioden haben solche einfachen passiven Strategien nicht schlecht abgeschnitten. Das gilt vor allem dann, wenn man nicht nur auf die Renditen sondern auch auf Verluste und andere Risikomaße achtet.

Gutes aktives Risikomanagement  ist schwer

Eine kostenlosen öffentlich verfügbaren Publikumsfondsdurchschnitt habe ich nicht gefunden. Mit den Fund Screener habe ich daher den ältesten Allocation Mutual Fund Vanguard Welling (VWELX) von 1929 zum Vergleich gewählt. Zusätzlich habe ich den größten „Allocation“ Fonds mit Startdatum vor 2000 verglichen: American Balanced von American Funds von 1975 (ABALX).

Gerade Letztes ist nicht unbedingt typisch für durchschnittliche Performance, da die Größe des Fonds sich im Zweifel auch durch gute Vergangenheitsperformance erklären lässt. Auch der älteste Fonds ist nicht typisch, denn nur erfolgreiche Fonds überleben lange. Andere Fonds werden geschlossen oder fusioniert.

Wenn man nur die durchschnittliche Performance der vier analysierten schlechten Jahre nimmt, wäre Trendfolge am besten gewesen. Die beiden aktiven Fonds wären in 2000-2002 besser als die passive Allokation zu Aktien und Anleihen gewesen. Aber sie hätten in den beiden schlechtesten Aktienjahren 2002 und 2008 höhere Verluste ausgewiesen.

Risikomanagement 2018: Aktive Manager mit höheren Verlusten als passive Ansätze

Ähnliches zeigt sich in 2018. Das kann man feststellen, wenn man unter http://www.morningstar.de unter „Tools“ die Kategorierenditen von aktiv gemanagten Fonds analysiert. So haben flexible Mischfonds EUR bis zum 20.12. im Schnitt fast 8% Verlust gemacht. Ein 50/50 ETF-Portfolio hätte nur -2% Verlust eingebracht (siehe „Vergleichsportfolio“ auf www.diversifikator.com). 

Auch die fünf stabil allokierten Multi-Asset Fonds von Diversifikator haben im Jahr 2018 weniger verloren als ein durchschnittlicher Mischfonds. Und das sogar, obwohl sie teilweise relativ hohe Allokationen zu den in 2018 nicht besonders gut gelaufenen Listed Alternatives hatten.

Auch einfache Trendfolge hat gut funktioniert, wie man z.B. an den beiden Trendfolgeportfolios von Diversifikator sieht. Bis zum 21.12. hatten das Weltmarktportfolio Basis Trend und das ESG ETF Portfolio Trend nach Kosten von 1% p.a. ebenfalls nur 2-3% verloren (www.diversifikator.com, zu dem Konzept der Trendfolgestrategien auch hier).

Gute Beratung ist wichtiger als aktives Portfolio- bzw. Risikomanagement

Passive Allokationen mit aktivem Portfoliomanagement zu schlagen, ist also schwer. Einfaches Risikomanagement in Form von naiver, also gleichgewichteter Diversifikation über verschiedenen Anlageklassen ist auch risikomäßig gar nicht schlecht. Noch besser funktioniert eine einfache Trendfolgestrategie, zumindest in Aktienmarktkrisen.

Ich erwarte daher, dass die Robo-Advisors, die solche Strategien nutzen, künftig erfolgreich sein werden. Ich erwarte aber vor allem, dass Anleger merken werden, dass aktives Portfoliomanagement auch in Krisenzeiten keinen Mehrwert liefert. Zwar wird es immer Fonds geben, die outperformen. Allerdings weiß ich nicht, wie man solche Fonds vorab verlässlich identifiziert.

Auch Morningstar nennt „nur“ niedrige Kosten und hohes Eigeninvestment von Managern als einigermaßen verlässliche Indikatoren. Niedrige Kosten findet man aber vor allem bei passiven Fonds (ETFs).

Es gibt wichtigere Aufgaben für Vermögensverwalter

Dadurch werden Vermögensverwalter aber nicht überflüssig. Sie sollten sich auf Anlegerberatung konzentrieren. So ist ziemlich klar, dass Anleger durch falsches Timing besonders hohe Opportunitätskosten haben. Dem kann man mit guter Finanzplanung und sogenanntem Behavioral Coaching entgegenwirken. Allerdings ist bisher noch unklar, ob Berater viel besseres Timing haben als Anleger (siehe z.B. dieser Beitrag).

Daran müssen sie wohl noch arbeiten. Vermögensverwalter haben aber künftig auch mit der künftig wohl verpflichtenden Beratung in Bezug auf nachhaltige Anlagen zu tun. Daraus ergibt sich auch eine Beratung bei der Auswahl von Portfolios. Dazu kommen weiterhin Steuer- und Erbschaftsberatungen und die effiziente Umsetzung von Portfolios sowie gutes Reporting (zu hybriden Kombinationen mit Robo-Advice siehe auch hier).

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