Verantwortungsvolle Geldanlage für Stiftungen: Ein Tool für die Anlagepolitik

Fondsfibel: Sie betreuen ja auch Stiftungen, wie haben Sie sich dort dem Thema ESG genähert?

Prof. Dirk Söhnholz: In meinen Augen ist der gesunde Menschenverstand gefragt. Wenn ich mich mit meinem Portfolio nicht so richtig wohlfühle, dann arbeite ich zuerst mit Ausschlüssen. Das sind dann harte Ausschlüsse, die Tabak, Alkohol oder Atomstrom komplett herausnehmen. Für mich gäbe es keine weichen Ausschlüsse dergestalt, dass 10% Umsatzanteil mit Alkoholprodukten akzeptiert werden. Bestimmte Dinge will ich einfach nicht im Portfolio haben, und für Stiftungen stecken ja bei weichen Ausschlüssen auch Reputationsrisiken drin.

Außerdem sollte die Stiftung Mindestanforderungen an E, S und G stellen, wobei für mich das G, also die gute Unternehmensführung, der wichtigste Aspekt ist. Ein gut geführtes Unternehmen übernimmt einfach mehr Verantwortung für sein Tun.

In einem dritten Schritt würde ich auf den Impact abzielen. Bei Umwelt, Gesundheit, Infrastruktur in den Emerging Markets oder Forstwirtschaft dürfte man dann noch fündig werden, allerdings verringern sich dann auch Möglichkeiten der Diversifikation.

Fondsfibel: Klingt irgendwie nach Trial and Error. Ist das bei ESG auch ein bisschen so?

Söhnholz: Klar, da muss jeder seinen Weg finden. Braucht man etwa Engagement und Voting? Wenn man auf Engagement setzt, bedeutet dass, man möchte die Unternehmen verbessern. Man kann von Anfang an aber auch gleich auf die Guten setzen, eben jene, die gut geführt werden. Zu dieser Frager müssten Stiftungsverantwortliche eine Haltung haben.

Der größte Fehler in der nachhaltigen Kapitalanlage ist, sich mit klassischen Indizes zu vergleichen. Das passt einfach nicht. Stiftungen sollten danach fragen, ob sich ein Fonds mit einer streng nachhaltigen Benchmark vergleicht. Abweichungen müsste der Fondsanbieter dann erklären. Leider sind die meisten nachhaltigen Indizes heute noch zu lasch.

Fondsfibel: Wie würden Sie als Stiftung die Anlagerichtlinie heute umarbeiten, um in eine ESG-Anlagepolitik zu finden?

Söhnholz: Als Stiftungsvorstand sollte man schon eine Anlagepolitik haben und diese dann abgleichen können mit Angeboten beispielsweise von Fondsanbietern. Die Produkte sollten nahe dran sein an dem, was ich mir als Stiftung überlegt habe. Bei der Policy, da müssen Stiftungen Mühe reinstecken.

Fondsfibel: Gehen wir einen Schritt weiter. Wie setzt eine Stiftung das nun um?

Söhnholz: Historisch sehen Renten sehr vorteilhaft aus. Aber was macht man, wenn man heute Rendite haben will? Ohne erhebliche Risiken geht das nicht mehr. Hochzinsanleihen, Fremdwährungsanleihen und speziell Anleihen von Emerging Markets sind ja nicht risikoarm.

Es kann heute sinnvoller sein, ein Akti­endepot mit strengem Risikomanagement und „Cash“ als risikofreier Anlage zu nutzen als ein Depot, das man aus Aktien und Renten mischt. Wer besonders nachhaltig investieren möchte, muss eigentlich sowieso auf ein Portfolio aus Einzelaktien bzw. einzelnen Anleihen setzen. Wenn man Anleihen nutzt, sollten die von verantwortungsvollen Emittenten stammen, das gilt auch für Green Bonds.

Statt Anleihen können Stiftungen auch Immobilienfonds kaufen. Als Ersatz für illiquide Anlagen sind zudem nachhaltige Infrastrukturaktien und REITs geeignet.

Fondsfibel: Ihre Gedanken, Herr Prof. Söhnholz, zur ESG-Anlagepolitik gehen soweit, Stiftungen ein Werkzeug an die Hand zu geben, anhand dessen sie ihre Haltung mit den Merkmalen von Produkten abgleichen können.

Söhnholz: Letztlich ist es ein Tool, über das die eigene Anlagepolitik geprüft werden kann. Ich finde als Stiftung die Kriterien, die mir wichtig sind, und gehe auf die Investments zu und prüfe, ob die Investments meine Kriterien einhalten. Ausschlüsse, ESG-Scores, Incidents, Impact, Engagement und Voting, zu diesen sechs Kriterien mache ich mir Gedanken.

Diese sechs Kategorien werden im Fonds schlecht, mittel oder gut umgesetzt bzw. abgebildet, bedeutet ich kann mir ausmalen, wie gut in einem Fonds ESG enthalten ist und wie viel Verbesserungspotential er hat. Ein Fonds kann maximal 18 Punkte erreichen in den sechs Kategorien. Für schlecht gibt es einen Punkt, für mittel zwei und für gut drei. Stiftungen kommen so Ungereimtheiten in einem Fonds auf die Spur. Ein ESG-Fonds, der das Thema wirklich voll implementiert, weist Ausschlüsse auf, hat einen guten ESG-Score und betreibt Engagement.

Fondsfibel: Was von E, S und G ist am wichtigsten?

Söhnholz: Grundsätzlich ist es strenger, wenn E, S und G separat und häufiger gemessen werden. Denn wenn ein Unternehmen einen guten durchschnittlichen ESG-Score aufweist, dann kann es trotzdem sein, dass G, also die Unternehmensführung, weit unterdurchschnittlich abschneidet. Laut ESG-Score wäre ein Investment machbar, beim Blick auf den Faktor G relativierte sich dies.

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