Schwankungen sind tolerierbar, Intransparenz nicht

Die Bestimmung von Risikotragfähigkeiten von Anlegern bzw. der „Geeignetheit“ von Portfolios sind wesentliche Bestandteile der Beratung von Anlegern und werden zunehmend detaillierter reguliert. Dabei stehen Volatilitäten bzw. Schwankungen im Vordergrund. Früher war es für Anleger schwierig festzustellen, wie viel Risiko sie tragen können und welche Portfolios zu ihnen passen. Banken und freie Berater haben die Risikoeinschätzungen und Portfolioauswahl für die Anleger durchgeführt aber selten transparent gemacht. Das ändert auch die neue Regulierung nicht, die aber immerhin die Kosten für Anleger transparenter macht.
Aber seit einiger Zeit gibt es Online-Plattformen (auch als Robo-Advisors bekannt), die mit hoher Transparenz werben. Auf diesen können Anlageinteressenten selbst ihre Daten und Anlagepräferenzen eingeben. Danach erhalten sie Portfoliovorschläge, die ihrer Risikotragfähigkeit entsprechen sollen. Trotzdem ist für Anleger oft nicht transparent nachvollziehbar, warum welche Risikoprofile entstehen (siehe auch Michael Tertlit/Peter Scholz: To Advise, or Not to Advise — How Robo-Advisors Evaluate the Risk Preferences of Private Investors, Hamburg 2017). Es ist ihnen oft auch nicht klar, warum welche Anlageempfehlungen genau diesen Risikoprofilen entsprechen sollten. Das geht aber auch anders.

Als wir (www.diversifikator.com) Ende 2015 nach einem passenden Risikotool suchten, haben wir uns für das wissenschaftlich basierte Tool von Professor Weber von der Uni Mannheim entschieden (siehe www.behavioral-finance.de). Von einer wissenschaftlichen Basis sollte man sich allerdings nicht blenden lassen. Fast alle Robo-Advisor werben mit irgendeiner wissenschaftlichen oder Nobelpreisträger-Basis. Das bedeutet aber nicht, dass ihr  Vorgehen für Anleger nachvollziehbar ist.

Beim Tool von Professor Weber werden Anleger sehr anschaulich mit Verlusten und Verlustwahrscheinlichkeiten des deutschen Aktienmarktes konfrontiert. Außerdem arbeitet das Tool mit vielen Variationen, bevor man Ergebnisse bekommt. Dieses Vorgehen ist verhaltenswissenschaftlich begründet und sehr gut nachvollziehbar.

Andere Tools setzen nur auf Portfolioschwankungen (Volatilitäten) und oft auch nur auf solche der jüngsten Vergangenheit. Und in den letzten Jahren waren die Schwankungen an den Anlagemärkten recht gering. Den meisten Anlegern ist es aber wahrscheinlich sogar egal, ob hohe Schwankungen auftreten, solange ihre Kapitalanlagen an Wert gewinnen. Ihnen ist es auch egal, ob Verluste mit niedrigen Schwankungen einhergehen, denn die Verluste schmerzen mehr als die Schwankungen.

Inzwischen haben wir ein eigenes und mit sehr wenig Zeitaufwand nutzbares Risikoeinschätzungstool entwickelt, welches ohne Angaben von Anlagebetrag oder Anlagehorizont bzw. Risikotoleranz auskommt (siehe „Risikowahl“ auf www.diversifikator.com). Unser Tool zeigt Anlegern Verluste und Renditen des Weltaktienmarktes in unterschiedlichen Perioden seit 2007. Damit ist die letzte große Aktienmarktkrise von 2007/2008 enthalten. Zusätzlich können Anleger die Verluste eines aus 50% Weltaktien und 50% „Cash“ bestehenden Portfolios analysieren. Anleihen haben in der Vergangenheit durch Zinssenkungen oft relativ stark an Wert gewonnen. Für die Zukunft werden aber von fast allen Profis Zinssteigerungen erwartet, die zu Wertverlusten bei Anleihen führen. Wir nutzen daher zinsloses „Cash“ für „Rückrechnungen“ aber auch zur möglichen Reduktion künftiger Portfoliorisiken. Viele andere Tools verwenden die guten Anleiherenditen der Vergangenheit und nicht alle berücksichtigen die starken Verlustjahre der letzten großen Finanzkrise.

In unseren Darstellungen kann man Wertverluste von circa 50% bei Aktien in 2008 feststellen und entsprechend auch 25% Verluste von Aktien/Cash Kombinationen. Allerdings gibt es seit 2007 keine 6 Jahresperiode, in denen Anleger insgesamt (kumuliert) nominal Geld verloren hätten. Früher gab es jedoch Perioden von über 10 Jahren mit Verlusten und in einzelnen Märkten wie Japan sogar noch viel länger. Um solche Analysen selbst durchzuführen, kann man die kostenlosen Tools auf www.portfoliovisualizer.com nutzen.

Unsere Erwartung ist daher, dass Anleger mit einem Anlagehorizont von mehr als 6 Jahren bei einem breiten Aktieninvestment künftig selten sehr schmerzhafte Verluste erleiden sollten. Zwischenzeitliche Schwankungen könnten bzw. sollten ihnen daher egal sein.

Bei einem Anlagehorizont unter sechs Jahren kann es nicht nur für Aktien sondern auch für Aktien/Cash Kombinationen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erheblichen Verlusten kommen. Anleger mit einem kürzeren Anlagehorizont müssen auch hohe Schwankungen tolerieren können. Da Langfristanleger Schwankungen ignorieren können und Kurzfristanleger Schwankungen akzeptieren müssen, sind Schwankungsanalysen nicht sehr hilfreich für die Selektion des Risikoteils eines Portfolios.

Allerdings werden Geldanlagen oft nach ihren Schwankungen in Risikoklassen eingeteilt. So beruht die Risikoangabe bei Publikumsfonds alleine auf Schwankungen der jeweils letzten fünf Jahre (Stichworte SRRI oder KIID oder KID-Risikoklassen). In Marktphasen mit geringen Volatilitäten weisen deshalb oft auch Fonds mit hohen Verlustrisiken relativ niedrige schwankungsbasierte Risikoklassen auf. Wir haben das für unsere Portfolios ausgerechnet. Aktienportfolios mit Verlustrisiken von ca. 50% in Aktienjahren wie 2008 haben aktuell Risikoklassen von 5 auf einer Skala von 1 bis 7. Aktien/Cash Portfolios mit Verlustrisiken von etwa 25% weisen aktuell Risikoklassen von 4 auf, die als relativ risikoarm gelten (siehe „Portfolio-Risiken“ auf www.diversifikator.com).

Risikobeurteilungen von Portfolios auf Basis von tolerierbaren Verlusten halten wir für viel aussagekräftiger. Ganz unwissenschaftlich haben wir daher eine „Übersetzungstabelle“ entwickelt. Danach müssen Anleger bis zu einem Anlagehorizont von drei Jahren Portfolios mit der höchsten Risikoklasse tolerieren können, denn bei Anlagehorizonten von ein bis drei Jahren können sowohl reine Aktienanlagen aber auch 50/50 Mischungen von Aktien/Cash Schwankungen der Risikoklasse 7 aufweisen. Wenn man Portfolios mit geringeren Schwankungen bzw. Risikoklassen haben möchte, kann man die jeweiligen Portfolios mit noch mehr als 50% „Cash“ kombinieren. So weist der Renditeteil des Anlegers zwar weiter eine offizielle schwankungsbasierte Risikoklasse von 7 auf, hat aber z.B. nur noch 25% Anteil am Anlagevolumen, da 75% in „Cash“ angelegt werden.

Mit diesen einfachen Tools erhalten Interessenten die volle Transparenz darüber, wie ihre Risikotoleranz klassifiziert wird. Zusätzlich erhalten sie Transparenz über die Bestimmung der Risikoklassen von Anlageportfolios. Und das Ganze kann ohne Angabe persönlicher Daten vorgenommen werden, da Diversifikator einem „No Data“ Datenschutz-Ansatz verfolgt.

Hinzu kommt, dass die Anlageportfolios „most-passive“ nach einfachen Regeln, ohne Optimierungen und ohne klassische Algorithmen aber dafür mit detaillierten Dokumentationen erstellt werden und daher einfach nachzuvollziehen sind. Das gilt zwar auch für viele ETFs aber nur selten auch für Multi-Asset Portfolios aus ETFs. Ausserdem gibt es gerade im Bereich der nachhaltigen Anlagen bisher noch wenige derart transparente und einfach nachvollziehbare Anlageprodukte, die durch den „most-passive“ Ansatz zudem auch sehr kostengünstig umgesetzt werden können.

Zusätzlich wird Anlegern eine ebenfalls transparente kriterienbasierte Portfolioselektion ermöglicht (siehe „Portfoliowahl“ auf www.diversifikator.com.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.