Robo-ESG: Verantwortungsvolle Online-Investments im Vergleich (Update)

Robo-ESG: Fast alles spricht dafür

Die Logik für nachhaltige Online Angebote ist einleuchtend: Da nachhaltige Anlagen ähnliche Risiken und Renditen haben wie traditionelle Anlagen (siehe hier), spricht alles für Investments in nachhaltige Anlagen.

Wie bei allen Anlagen sind dabei niedrige Kosten wichtig, um attraktive Renditen zu erreichen. Am kostengünstigsten kann man online anbieten bzw. kaufen.

Persönliche Beratung ist aber wichtig, gerade auch in Bezug auf die relativ neuen und komplexen nachhaltigen Kapitalanlagen. Deshalb gibt es eine Tendenz zu hybriden Angeboten. Das heißt, dass Online-Angebote gemacht werden, die mit „menschlicher“ Beratung kombiniert werden können (siehe z.B. http://prof-soehnholz.com/hybridmodelle-worauf-traditionelle-finanzdienstleister-bei-robo-advisors-achten-sollten/).

Besonders interessant sind nachhaltige online Angebote auch deshalb, weil es noch nicht so viel günstige und überzeugende Offline-Konkurrenz gibt (siehe z.B. http://prof-soehnholz.com/statt-kannibalisierung-esg-robo-oder-alternatives-robo/).

„Robo-ESG“ kann deshalb für Nachfrager und Anbieter sehr attraktiv sein.

Aber für alle Robo-Advisor gilt, dass die Vermarktung aufwändig ist. Selbst in den USA sind bisher nur wenige unabhängige Robo-Advisors profitabel. In Deutschland ist wohl bisher nur das Scalable Angebot für den Vertriebspartner ING profitabel.

5 pure ESG-Robos und ESG-Angebote von 8 „traditionellen“ Robos

Auslöser für diese Analyse war die Pressemeldung, dass Vividam zum führenden nachhaltigen Robo-Advisor in Deutschland werden möchte. Ich bin skeptisch, ob das gelingen wird, denn die Konkurrenz ist zumindest konzeptionell stark .

Ende 2019 gibt es meiner Recherche nach neben Vividam von der FiNet Asset Management AG (seit Dezember 2018) vier andere Robo-Advisors, die ausschließlich sogenannte verantwortungsvolle oder nachhaltige Angebote machen. Das sind Klimafonds (seit 2017), Pax-Investify von der „katholischen“ Pax Bank bzw. dem „genossenschaftlicher Finanzdienstleister mit christlicher Werteorientierung“ (seit 2018, siehe hier), Yova (Schweiz, seit 2019) und Peaks (seit Oktober 2019).

Weitere Robo-Advisors bieten vor allem traditionelle und zusätzlich komplett nachhaltige Portfolios an. Der erste Anbieter war bereits in 2016 VisualVest der Union Investment. Investify von Aixigo und Rhein Asset Management, Zeedin von Hauck&Aufhäuser, Liqid, Fairrr und Savity (Österreich) folgten in 2018.  In 2019 kamen Wevest und Greta`s Choice hinzu.

Robo-ESG: Mit White-Label- und Modellportfolios werden es noch mehr Anbieter

Wenn man die sogenannten White-Label Angebote noch mitzählen würde, käme man auf wesentlich mehr Anbieter mit verantwortungsvollen Online-Portfolios. Das liegt vor allem daran, dass inzwischen einige genossenschaftliche Banken über MeinInvest auch das nachhaltige Portfolio von Visualvest anbieten. Bereits in 2017 hatte z.B. die Evangelische Bank dieses Portfolio im Online-Angebot.

Ich zähle außerdem die Portfolios meiner Firma Diversifikator und die von JustETF und ExtraETF zu den Online ESG Angeboten. Diese drei bieten technisch-regulatorisch selbst umzusetzende Modellportfolios aber keine vermögensverwalteten Robo-Advisors an.

Diversifikator war ab Februar/März 2016, also noch vor Visualvest, der erste derartige Anbieter von nachhaltigen Portfolios (siehe auch http://prof-soehnholz.com/3-jahre-diversifikator-gute-rendite-aber-80-prozent-anders-ist-schwer-zu-verkaufen/). Die anderen beiden folgten in 2018.

Robo-ESG: Nennenswerte Unterschiede zwischen den drei bis vier Anbietergruppen

Vereinfacht kann man also drei bis vier Gruppen von Anbietern unterscheiden: Die rein nachhaltigen Robos (Klimafonds, Pax-Investify, Vividam, Yova, Peaks), die traditionellen Robos mit nachhaltigen Zusatzangeboten und die drei Modellportfolioplattformen. White-Label Anbieter gibt es bisher erst im Segment der traditionellen Robos.

Einige der Anbieter kann man als unabhängig bezeichnen, andere gehören zu traditionellen Asset Managern oder Banken. Da die „abhängigen“ Anbieter bisher meines Wissens keine hauseigenen Produkte anbieten, ist Unabhängigkeit/Abhängigkeit aber (noch) kein wichtiges Unterscheidungskriterium.

Interessant ist auch, dass die nachhaltigen Online Angebote meist Neuentwicklungen sind und auch von den traditionellen Anbietern in der Regel nicht „offline“ angeboten werden.

Modellportfolioanbieter sind wesentlich günstiger, bieten aber nur limitierte Services

Es gibt einige systematische Unterschiede zwischen den Anbietergruppen. So haben die Modellportolioanbieter keine Vermögensverwaltungslizenz. Interessenten an den Portfolios müssen die Portfolios deshalb selbst in ihren Depots umsetzen. Dafür haben sie auch die freie Depotbank- und Brokerwahl bzw. können die Portfolios in ihre Bestandsdepots aufnehmen.

Die geschätzten All-In Kosten für die Portfolios der drei Modellportfolioanbieter starten bei ca. 0,2% bzw. 0,3% pro Jahr (JustETF, ExtraETF und Diversifikator für institutionelle Anleger) und gehen bis zu ca. 1,5% bei Diversifikator für Privatkundenangebote. Die selbständige Umsetzung der überwiegend aus wenigen ETFs bestehenden und sich selten ändernden Portfolios ist für Anleger einfach und kostengünstig möglich.

Die 1,5% bei Diversifikator beinhalten alle Produktkosten von ca. 0,3% für ETFs und die bei solchen Angebote anfallende Umsatzsteuer und typischerweise auch unabhängige persönliche Beratung und Vermögensverwaltung, für die die Kooperationspartner von Diversifikator ca. 0,7% p.a. erhalten.

Die Gebühren der Online-Vermögensverwalter reichen von 0,63% bei Fairr bis zu 2,9% bei Vividam, jeweils inklusive der Kosten für die genutzten Produkte. Peaks, Wevest und Investify liegt mit bis zu 1,3% am unteren Ende der Kosten für relativ niedrige Anlagebeträge.

Bei den Anbietern mit hohen Kosten wie MeinInvest und Vividam sollte typischerweise auch die persönliche Beratung enthalten sein. Diese Beratung kann durch die Provisionen der genutzten „aktiven“ Fonds finanziert werden.

Robo-ESG: Modellportfolioangebote ermöglichen mehr Auswahl

Alle deutschen vermögensverwaltenden Robo-Advisors bieten bisher jeweils nur ein verantwortungsvolles Standard-Portfolio an. Für dieses Basisportfolio werden zwar je nach Risikoneigung der Ableger unterschiedlich Mischungen von Aktien- und Anleihequoten ermöglicht, aber die einzelnen Bestandteile sind jeweils gleich. Alle diese vermögensverwaltenden Robos nutzen Anleihen zur Reduktion von Portfoliorisken.

Das galt bis November 2019 auch für den Modellportfolioanbieter Extra ETF, der seitdem vier nachhaltige ETF-Basisportfolios anbietet. JustETF bietet mit „ESG Screened“ und „Nachhaltigkeit SRI“ zwei Portfolios an, die sich vor allem in Bezug auf die Strenge der Nachhaltigkeitsansätze unterscheiden. Anders als bei den anderen Angeboten handelt es sich dabei um reine Aktienportfolios. JustETF bietet als einziger keine verantwortungsvollen Mischportfolios bzw. Portfolios mit unterschiedlichen Risikoklassen an.

Das mit Abstand breiteste Angebot bietet Diversifikator bereits seit 2016 bzw. 2017 an: ESG ETF-Portfolio, ESG ETF-Portfolio Trend, Islamic ETF-Portfolio und fünf konzentrierte PureESG Aktien-Portfolios: Global, Global S, Infrastruktur, Immobilien und Deutschland. Einige dieser Angebote gibt es sogar nirgendwo „offline“ in vergleichbarer Form.

Durch Kombinationen mit „Cash“ können alle Portfolios von Diversifikator auf unterschiedliche Risikoklassen angepasst werden. Besonderheit: Für die Beimischungen von Cash verlangt Diversifikator keine Gebühren, d.h. bei einem Portfolio aus 50% Aktien und 50% Cash fällt die Modellportfoliogebühr nur für den Aktienteil an.

Seit 2019 bietet Fairr einige Individualisierungsmöglichkeiten auf Basis mehrerer nachhaltiger ETFs an. Und Yova aus der Schweiz individualisiert Portfolios anhand von unterschiedlichen Anlegervorgaben.

Robo-ESG: Überwiegend nur Aktien und Anleihen mit aktivem oder passivem Risikomanagement

In Bezug auf die genutzten Anlageklassen gibt es kaum Unterschiede. JustETF und Investify sind die einzigen Anbieter, die nur Aktienportfolios anbieten. Bei Investify liegt das daran, dass das nachhaltige Portfolio nur als Beimischung zu einem traditionellen Basisportfolio empfohlen wird.

Liqid fügt seinem nachhaltigen Portfolio ein Goldzertifikat hinzu und Diversifkator nutzt zusätzlich Listed Alternatives, also Immobilienaktien, Infrastrukturaktien etc..

Visualvest, Zeedin, Investify, Liquid, Savity und Wevest verwenden diskretionäre, also nicht voll-regelbasierte „aktive“ Risikomanagementansätze für ihre Portfolios (siehe auch http://prof-soehnholz.com/risikomanagement-aktiv-ist-schlechter-als-passiv-robo-advice/).

Vividam, ExtraETF, Diversifikator, Peaks, Fairr und Yova nutzen dagegen fixe Allokationen zu Anlagesegmenten. Klimafonds verwendet fixe Allokationen, die aber in der Ein- und Ausstiegsphase der Anleger modifiziert werden.

Diversifikator ist der einzige Anbieter, der (gebührenfrei) „Cash“ statt Anleihen zur Risikoabsicherung nutzt. Anleihen befinden sich als Renditeanlage in den ETF-Portfolios. Diversifikator bietet mit dem ESG ETF-Portfolio Trend zusätzlich ein nachhaltiges Portfolio mit einer rein regelbasierten Trendfolgesteuerung an.

Robo-ESG: Einige nutzen (teure) aktive Fonds zur Umsetzung, andere ETFs, nur wenige aber Einzeltitel

Von Robo-Advisors erwartet man in der Regel günstige Portfolio-Umsetzung über ETFs. Für vermögensverwaltende Robo-ESG Angebote werden jedoch oft sogenannte aktiv gemanagte Fonds genutzt, die typischerweise erheblich teurer als ETFs sind. Zu diesen Anbietern zählen Visualvest, Vividam, Zeedin und Investify und Greta’s Choice.

Zeedin nutzt auch direkte Aktien und Anleihen, ist aber auch erst ab einhundertfünfzigtausend Euro zugänglich. Sonst bieten nur Yova und Diversifikator Einzelaktienportfolios an. Diversifikator macht das ohne formale Mindestanlagesummen und zu denselben Konditionen wie ETF-Portfolios (siehe auch http://prof-soehnholz.com/esg-investments-warum-weder-aktive-fonds-noch-etfs-ideal-sind/).

Von den vermögensverwaltenden Anbietern setzen bei den nachhaltigen Angeboten Liqid, Klimafonds, Wevest, Peaks und Fairr konsequent auf ETFs. Auch die drei Modellportfolioanbieter nutzen ETFs und keine aktiven Fonds.

Mindestanlagen, verwaltete Vermögen und Performance taugen (noch) nicht zur Differenzierung

Die Mindestanlagen helfen nur wenig, um die Anbieter zu differenzieren. Nur Liqid und Zeedin fallen mit ihren hohen Mindestinvestmentanforderungen von einhunderttausend bzw. einhundertfünzigtausend Euro aus dem Rahmen. Die Modellportfolioplattformen verlangen keine Mindestinvestments und bei allen anderen Anbietern werden in der Regel höchstens fünftausend Euro als Mindestanlage gefordert.

Die verwalteten Vermögen in verantwortungsvollen Portfolios werden von den Anbietern bisher noch nicht veröffentlicht. Das liegt wohl daran, dass bisher kaum eines der nachhaltigen Onlineangebote über nennenswerte Assets verfügt.  

Auch die Performance habe ich nicht thematisiert. Während die Modellportfolioplattformen diese transparent ausweisen, ist sie für die nachhaltigen Angebote der Vermögensverwalter nur schwer von außen nachvollziehbar (Ausnahme Vididam). Außerdem sind die Track Records der verantwortungsvollen Angebote mit Ausnahme von Diversifikator und Visualvest noch sehr kurz.

Robo-ESG: Kritik an allen bzw. noch keine perfekte Lösung

Wenn man 0% für Anleihen und 7% Bruttorenditen für Aktien erwartet, erzielen 50/50 Portfolios 3,5% Bruttorenditen. Gebühren von 1,5% und mehr pro Jahr sind meines Erachtens in Zeiten negativer Zinsen deshalb zu hoch.

Von den Vermögensverwaltenden Robos mit niedrigen Mindestinvestments liegen aktuell Fairr, Wevest, Peaks und Yova sowie Investify unter dieser Grenze. Investify bietet aber nur ein verantwortungsvolles Aktienportfolio auf Basis aktiver Fonds als Beimischung an.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass es noch keinen günstigen vermögensverwaltenden Robo Advisor mit einem breiten bzw. sogar individualisierbaren verantwortungsvollen Portfolioangebot gibt.

Damit ergeben sich Chancen für die Modellportfolioanbieter (siehe auch http://prof-soehnholz.com/modellportfolio-robos-sind-besser-als-normale-robo-advisors/). Allerdings erwarte ich, dass es künftig auch attraktive vermögensverwaltende ESG-Robos geben wird. Ich helfe gerne bei der Entwicklung solcher Angebote.

Ergänzung: Markus Duscha und Eric Winkler vom Fair Finance Institute haben 20.11.2018 den sehr guten „Nachhaltigkeits-Quick Check“ Robo-Advisor – Eine Analyse aufgrund der Erstinformationen der Internetauftritte der Robo-Advisor veröffentlicht.

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