Nachhaltigkeitstaxonomie der EU: Positive Aspekte aber insgesamt enttäuschend

Nachhaltigkeitstaxonomie soll die Basis für nachhaltige Investments sein

Der Report setzt sich aus sechs Kapiteln zusammen: Erklärung des Taxonomie-Ansatzes (1), Methode um die Taxonomie zu entwickeln (2), Taxonomie von Nutzern und Nutzungsfällen (3), ökonomische Auswirkungen der Taxonomie (4), nächste Schritte (5) und komplette Liste der technischen Analysekriterien (6) ab Seite 106.

Auf Seite 10 wird das Ziel der Taxonomie zusammengefasst: Erstellung einer Liste von ökonomischen Aktivitäten, die basierend auf ihren Beiträgen zu nachhaltigkeitsbezogenen EU-Politikzielen beurteilt und klassifiziert werden. Auf Seite 57 wird außerdem geschrieben, dass die Taxonomie die Basis für die Bestimmung von „environmentally sustainable investments“ sein soll.

Nachhaltigkeitstaxonomie: Nicht nur CO2 oder Umwelt insgesamt im Vordergrund, auch Soziales wird berücksichtigt

Auf Seite 19 wird deutlich gemacht, dass es vor allem um die Bereiche Klimawandel, Wasser, Verschmutzung und Abfall und „protection of healthy ecosystems“ geht. Das ist umfassender als ein enger Fokus auf CO2, der viele öffentliche Diskussionen prägt. Außerdem wird zumindest in Bezug auf erforderliche Analysen durch Investoren indirekt auch auf soziale Aspekte eingegangen (z.B. S. 64 der Hinweis auf die Prüfung von Mindestsozialstandards, die erfüllt werden müssen).

Auf Seite 34/35 werden die aus Expertensicht potentiell am stärksten umweltschädlichen Sektoren aufgeführt, die im Bericht detailliert untersucht werden. Interessant: Finanzdienstleistungen gehören nicht dazu, d.h. es wird nicht auf indirekte Effekte wie die Finanzierung von umweltschädlichen Aktivitäten eingegangen. Allerdings soll die Taxonomie ja dabei helfen, solche Effekte zu quantifizieren, deshalb ist der Fokus auf direkte Umwelteffekte nachvollziehbar.

Nachhaltigkeitstaxonomie: Daten sind das Problem

Anleger sollen künftig möglichst einfach den Anteil der Investments bestimmen können, die nach der Taxonomie nachhaltig (sustainable) sind. Gut ist, dass dabei grundsätzlich das Nettoprinzip berücksichtigt wird. Ein Unternehmen, dass zu 90% nachhaltig ist, muss trotzdem darauf geprüft werden, ob die restlichen 10% keinen nachhaltigen Schaden anrichten. Hypothetisches Beispiel: 90% Energieproduktion mit Wind und 10% mit Braunkohle kann netto weit unter 90% „nachhaltig“ sein. Die Experten verwenden für solche Analysen den Begriff „Do no significant harm“ (DNSH).

Die Experten schreiben selbst: “The main challenge the application of the Taxonomy faces is that very few companies break out information on green revenues in line with any recognised framework. … Further, although most listed companies report revenue information broken down by activity or business line, this reporting (which is part of financial filings or annual reports) is not standardised and is not always easily accessible. For example, MSCI Europe Index members report revenue by geographic region and product segment. However, there is significant variance between reporting classifications. Fewer than 30% of companies use the same geographic categories and there is an even wider variance in product line reporting.” (Seite 71).

Nachhaltigkeitstaxonomie: Daten sollen von Profis geliefert werden

Die Experten gehen davon aus, dass die Taxonomie dazu führen wird, dass viele Unternehmen künftig ihre Daten nach der Taxonomie liefern werden. Für Unternehmen, die auf europäische Geldanleger angewiesen sind, mag das stimmen. Ich bin aber sehr skeptisch, ob andere Unternehmen, die weltweit klar in der Mehrzahl sind, sich an der EU Taxonomie orientieren werden.

Die Experten gehen weiterhin davon aus, dass professionelle Datenanbieter versuchen werden, ihre Daten auf Basis der Taxonomie aufzubereiten. Das ist wahrscheinlich richtig, sofern diese Datenanbieter europäische Anleger als wichtige Zielkunden haben.

Allerdings befassen sich alle großen und seriösen Datenanbieter seit vielen Jahren mit dem Thema „Umwelt-“ bzw. ESG (Environmental, Social, Governance) Daten. Sie haben ihre eigenen Beurteilungssysteme entwickelt und werden sie nicht ohne Weiteres durch das EU System ersetzen wollen. Sie werden die Taxonomiedaten daher wohl zusätzlich berichten. Das heißt, es fallen zusätzliche Kosten an. Das sieht die Expertengruppe auch so (siehe z.B. S. 102).

Aber die Experten sind durchaus pragmatisch. Anleger sollen zunächst nur die Daten und Tools nutzen dürfen, die Ihnen aktuell bzw. künftig zur Verfügung gestellt werden („tools at hand“, S. 72).

Mehr Nachhaltigkeit: Kritische Finanzierung

Die Experten erwarten, dass erhebliche Zusatzkosten für Unternehmen entstehen können, um ökologisch besser zu werden. Diese sollen vor allem durch höhere Kreditaufnahmen von Unternehmen aufgebracht werden (S. 102).

Ich verstehe nicht, warum dafür nur/überwiegend Fremdkapital eingesetzt werden soll. Im Sinne der Stabilisierung der Wirtschaft sind meines Erachtens manchmal eher höhere Eigenkapitalquoten angebracht.

Nachhaltigkeitstaxonomie: Kritik und offene Fragen

Nach den vielen positiven Aspekten der Taxonomie habe ich eine andere Frage: Viele Datenspezialisten, vor allem diejenigen, die seit Jahren ökologische Daten nutzen bzw. Ratings entwickeln, haben eigene Taxonomien und ökologische Beurteilungssysteme bzw. Ratings entwickelt. Wieso sollte das „Ratingsystem“ der Expertengruppe besser sein als Ratings privater Datenspezialisten?

Dafür spricht, dass einige ESG-Ratingspezialisten Teil der Expertengruppe sind. Dagegen spricht, dass die Expertengruppe einen Kompromiss finden musste, der zudem durch den geplanten Gesetzgebungsprozess noch weiter verwässert werden kann.

Nachhaltigkeitstaxonomie: Mein Fazit

Geld regiert die Welt, heißt es so schön. Ich finde es wichtig, dass Anleger auf mehr Nachhaltigkeit achten. Das ist besonders deshalb attraktiv, weil es offenbar nicht zu Performancenachteilen führt (siehe z.B. hier).

Alles, was dazu führt, dass Geldanlagen nachhaltiger werden, finde ich deshalb gut, auch die EU Experteninitiative. Sie bringt meines Erachtens aber kaum inhaltlichen Zusatznutzen.

So kann man heute schon von diversen privaten Ratingagenturen feststellen lassen, ob eine Geldanlage nachhaltig ist (siehe z.B. hier). Dabei werden unterschiedliche Beurteilungssystem angewendet, die nicht nur Umwelthemen auflisten, wie in der Taxonomie, sondern sie auch bewerten und aggregieren und damit viel weiter gehen.

Selbst für Profis ist aber unklar, welche Ratingsysteme besser sind. Das System der EU Expertengruppe ist nachvollziehbar und lobenswert.

Ich weiß aber nicht, warum es besser sein sollte als bisherige Beurteilungssysteme privater Ratinganbieter. Standardisierung von Ratingsystemen führt zudem vermutlich zu Kompromissen und vielleicht sogar Informationsverlusten.

Nachhaltigkeitstaxonomie: Viele ist heute schon kostengünstig möglich

Aber viel wichtiger ist: Schon heute kann ein Geldanleger z.B.  bei Morningstar kostenlos feststellen, ob ein Fonds mehr oder weniger nachhaltig ist. Ob ihm das aber viel weiterhilft? Wenn man in solche Fonds heineinschaut, findet man immer wieder etliche Aktien oder Anleihen von Unternehmen, von denen man nicht weiß, wie sie in angeblich nachhaltigen Fonds vertreten sein können.

Das wird sich auch mit einer verbindlichen EU Taxonomie kaum ändern, wenn diese nur dazu führt dass Aussagen getroffen werden wie „Dieser Fonds enthält Aktien von Unternehmen, deren Umsätze zu 80% den Nachhaltigkeitskriterien der EU entsprechen“. Selbst wenn der Rest der Umsätze dem „do no significant harm“ entspricht und soziale Mindestkriterien erfüllt sind, ist das nicht unbedingt befriedigend.

Ich würde lieber in ein Portfolio investieren, dessen Bestandteile gar keine Umsätze in kritischen Marktsegmenten machen (harte Ausschlüsse z.B. für Waffen, Alkohol und Tabak) und die hohe Mindestanforderungen nicht nur an ökologische sondern auch an soziale und Unternehmensführungskriterien (ESG) erfüllen. Dabei sollte auch die Dimension „E“ möglichst umfassend definiert werden und nicht nur auf Umsätzen oder Investitionen in den angeblich richtigen Marktsegmenten beruhen.

Aber ich bin auch „biased“: In der Sustainable Finance Kommission der DVFA arbeiten wir gerade an einem einfachen „Anti-Greenwashing“ Portfolioklassifikationssystem, welches zu viel mehr Anlegertransparenz bei sehr geringen Zusatzaufwand führen kann (siehe auch hier).

Nachhaltigkeitstaxonomie: Grundproblem der Kapitalanlage wird ausgeklammert

Und noch wichtiger: Die EU Experten gehen das Grundproblem der Kapitalanlage nicht an. Damit waren sie allerdings auch nicht beauftragt. Solange Kapitalanleger nur geringe Abweichungen von traditionellen Indizes tolerieren (Tracking Error), wird es keine fundamental nachhaltige Kapitalanlage geben (siehe z.B. hier http://prof-soehnholz.com/esg-investments-warum-weder-aktive-fonds-noch-etfs-ideal-sind/).

Das könnte einfach geändert werden, indem nur noch fundamental bzw. Bottom-Up nachhaltige Indizes als offizielle Benchmarks zugelassen werden (siehe http://prof-soehnholz.com/verantwortungsvolle-als-einzige-offizielle-geldanlage-benchmarks/). Damit ist gemeint, dass diese Benchmarks nur nachhaltige – wie auch immer definiert – Komponenten enthalten dürfen.

Bisher enthalten sogenannte nachhaltige Indizes und ETFs meist nur die nachhaltigsten Bestandteile der in traditionellen Indizes vertretenen Marktsegmente. Das sind zum Beispiel Ölproduzenten (Best-in-Class), die in fundamental nachhaltigen oder Bottom Up Indizes sicher nicht enthalten wären.

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