Fintech-(Robo-)Konferenzen vernachlässigen wichtige Themen

In den letzten Wochen habe ich an mehreren meist sehr interessanten Fintech-Konferenzen bzw. Veranstaltungen zum Thema Asset Management bzw. Robo-Advice teilgenommen. Veranstalter waren die deutsche CFA-Gesellschaft, die DVFA, die DAB-Bank, die Rechtsanwaltskanzleien Allen & Overy, White & Case und Beiten Burkhardt, Adintelligence und IBM. Hinzu kamen die Veranstaltungen „Between the Towers“ und ein Finanz- und Versicherungsbarcamp. Ausserdem habe ich mir etliche weitere Fintech-Konferenzprogramme angesehen. Trotz der Vielfalt der Angebote werden meines Erachtens einige interessante Thema bisher noch nicht adäquat adressiert:

Basis-Technik: Zwar Stand Blockchain inzwischen recht oft und in guter Qualität und kritisch analysiert auf der Agenda (z.B. bei Between the Towers), nicht jedoch die Auswirkungen von Services wie Google Home und Amazon Echo. Welche Chancen und Risiken ergeben sich, wenn man Finanzentscheidungen an solche „digitalen Assistenten“ delegiert?

Zielgruppenausrichtung: Die meisten Fintechangebote scheinen auf jüngere und Smartphone-abhängige Nutzer ausgerichtet zu sein. Robo-Advisor-Services, die auch für Nutzer über 40 Jahren, die aufgrund ihrer Einkommen, Finanzierungsbedürfnisse und Vermögen mit Abstand zu den attraktivsten Kunden zählen dürften, habe ich bisher wenige gesehen. Dabei scheint inzwischen klar zu sein, dass Ü-40 und Ü-50 die wichtigsten Nutzer zumindest von Robo-Advice sind.

PC versus App-basierte Lösungen: Besonders ältere Konferenzteilnehmer waren sehr skeptisch, inwieweit für die Banken attraktive Bankgeschäfte wie die Vermögensanlage aber auch der Abschluss wichtiger Versicherungsverträge künftig auf dem Smartphone ausgeführt werden. Für sie wird weiter die Ausführung über „Devices“ mit größeren Bildschirmen erfolgen, die typischerweise zu Hause oder am Arbeitsplatz und nicht im  öffentlichen Räumen genutzt werden.

Information (App) Overload: Axel Apfelbacher hat auf der IBM Konferenz m.E. zurecht darauf hingewiesen, dass es kaum Bedarf nach „noch einer Fintech App“ auf dem Smartphone gibt. Auf Dauer werden sich wohl nur wenige Apps durchsetzen, die vom Kunden häufig genutzt werden. Hinzu kommt die interessante Entwicklung der Instant-Apps von Google. Was bedeutet die für Fintechs?

Kundenakquise: Wie kommt man effizient an Neukunden heran, entweder direkt oder im B2B2C Modell? Hierzu gab es z.B. im Finanz- und Versicherungsbarcamp interessante Vorträge von Michael Krüger von Die Zwei Versicherungsmakler.

Kooperationen: Immer mehr Robo-Advisors bieten neben B2C auch B2B Services an. Wie kann man man B2C und B2B konfliktfrei kombinieren? Was sind die Erfolgsfakten im B2B Geschäft?

Nutzungssteigerung: Mir ist bisher nicht klar geworden, wie man Nutzer von Versicherungspaps oder auf die langfristige Geldanlage ausgelegten Finanzanlage-Apps dazu bringen will, die Apps häufig zu nutzen. Eine erfolgreiche langfristige Finanzanlage zeichnet sich meist durch relativ geringe Handelsaktivitäten aus („hin und her macht die Taschen leer“), so dass „traden“ kein guter Anlass für die Nutzung sein sollte.

ETF-Nutzung:  Viele Banken, vor allem Volks- und Raiffeisenbanken aber auch Sparkassen und Versicherungen tun sich sehr schwer damit, überhaupt ETFs anzubieten.  Einige Banken verlangen sogar noch in großem Umfang Ausgabeaufschläge für ihre Fondsangebote. ETFs sind aber die Grundlage fast aller Robo-Advisor Angebote. Mit ETFs können die Banken wohl nicht gut genug verdienen. Oder ein ETF-Angebot widerspricht hauspolitisch oder anlagephilosophisch den eigenen aktiv-gemanagten Angeboten. Manchmal wird auch das Argument genannt, dass ETF-Angebote aus IT-Systemsicht nicht angeboten werden können.

Methodische Stärken/Schwächen der Robo-Modelle: Welche Asset-Allocation-Modelle werden benutzt? Wie sensibel ist der Output dieser Modelle in Bezug auf Annahmen, Modell- oder Datenänderungen? Allerdings ist das eine Frage, die auch bei traditionellen Anbietern kaum diskutiert wird.

Performance: Man kann m.E gar nicht früh genug damit beginnen, die Performance zu vergleichen, allerdings nicht nur Rendite sondern auch eingegangen Risiken. Der schwierige Jahresanfang ist ein guter Test für Anbieter von Anlageportfolios gewesen. Und Attributions- bzw. Faktoranalyse ist keine Rocket Science. Gute Performance ist schliesslich die beste User Experience.

Verantwortliches Anlegen: ESG/SRI wird bei Regulatoren und institutionellen Anlegern immer wichtiger. Untersuchungen zeigen ganz überwiegend, dass man durch verantwortliches Anlegen nicht auf Rendite verzichten muss und eher niedrigere Risiken eingeht. Auf Fintech-Konferenzen gibt es aber immer noch viele Teilnehmer, die mit den Abkürzungen aber auch den Konzepten überhaupt nichts anfangen können.

Datenschutz: Wer gibt Fintechs gerne seine Einkommens-, Vermögens- und versicherungsrelevanten Daten? Junge Leute tun sich da wohl leichter als Ältere, die aus Sicherheitsüberlegungen oft noch nicht mal Online Banking nutzen oder im Smartphone die Lokalisierungsfunktion ausschalten. Jüngere Konferenzteilnehmer, die bereit sind gegen kleine Conveniencevorteile viele Daten freiwillig herzugeben, konnten meine Frage nicht beantworten, ob sie die Vergabe der Daten wieder rückgängig machen können. Das scheint mir dann besonders schwierig zu sein, wenn man der Weitergabe der Daten an oft unbekannte Dritte zustimmt, was meistens der Fall ist. Bekommt man heraus, welche Dritten diese Daten erhalten haben? Kann man diese Dritten dazu bringen, die persönlichen Daten zu löschen? Und falls ja, wie aufwändig ist das?

Vielleicht kann man künftig aus diesem Bedarf ein neues Start-Up mit der Aufgabe der multiplen Bestandsdatenlöschung machen.

Eine weitere Frage, die sich mir stellt: Ist eine App attraktiv, die den aggregierten Kontostand oder das angelegte Vermögen in großen Zahlen auf dem Smartphone Bildschirm anzeigt? Freunde, Nachbarn, Verwandte und Fremde könne die Zahlen gut sehen, wenn man die App nutzt.

Und in Bezug auf die Hinwendung zum B2B Geschäft durch zahlreiche Startups, die für B2C konzipiert waren: Wem gehört der Interessent bzw. Kunde bzw. seine Daten im Kooperationsfall? Angst bekomme ich, wenn ein Fintech wie QUMRAM sich als „kommerzielle NSA“ bezeichnet, wie auf der DVFA Konferenz geschehen, und sich kaum jemand daran zu stören scheint.

Fazit: Die Lücken zwischen Theorie und Fintech-Konferenzprogrammen aber auch zwischen Konferenzinhalten und traditioneller Praxis sind noch ziemlich groß. Die gute Nachricht für Konferenzanbieter: Es gibt noch viel zu tun.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.