„Evidence-Based Investing“ – Interessant für alle Passiv- und Robo-Advisor Fans

Am 15. November wurde in New York die meines Wissens erste Konferenz mit dem Titel Evidence-Based Investing durchgeführt (https://www.imn.org/investment-management/conference/Evidence-Based-Investing/). Mehrere meiner Lieblings-Blogger bzw. Autoren haben als Sprecher ihren Teil dazu beigetragen, vor allem Barry Ritholtz und einige seiner Kollegen aber auch Charles Ellis, Larry Swedroe, Mebane Faber, John Rekenthaler und Wesley Gray.

Im Konferenzprogramm heisst es: Evidence-Based Investing (EBI) is a disciplined approach to asset management that combines the data we have from the past and present with honesty about the unknowable future. Where others would use forecasts, relationships or emotions to guide their decisions, practitioners of EBI would substitute facts, logic and reason.

Obwohl ich mich seit einigen Jahren intensiv mit dem Thema Investmentphilosophie beschäftige, hatte ich den Begriff Evidence-Based Investing noch nicht gehört. Eine Suche auf SSRN, dem Social Sciences Research Network, ergab keine relevanten Dokumente zu dem Stichwort. Offenbar ist bisher kaum etwas Wissenschaftliches zu dem Thema veröffentlicht worden.

Ich möchte versuchen, den Begriff in die von mir favorisierte Klassifikation von Investmentphilosophien einzuordnen. Eine Investmentphilosophie ist eine idealerweise kohärente und von anderen Philosophien eindeutig abgrenzbare Zusammenfassung von Investmentüberzeugungen. Nach der oben aufgeführten Definition kann man Evidence-Based Investments daher durchaus als Investmentphilosophie bezeichnen.

Investmentphilosophien kann man meines Erachtens am besten nach den drei Kategorien „diskretionär“ bzw. personen- bzw. teamabhängig, systematisch-prognosebasiert und systematisch-prognosefrei klassifizieren (s. https://diversifikator.com/de/wp-content/uploads/sites/2/2016/02/AR_6_2013_Soehnholz-Philosophie_Anforderung.pdf).

Der ganz überwiegende Anteil aller Investmentportfolios wird „diskretionär“ gemanagt. Ein kleinerer Teil wird quantitativ gemanagt und das meistens systematisch-prognosebasiert. Nur sehr wenige Portfoliomanager nutzen einen konsequent systematisch-prognosefreien Ansatz.

Evidence-Based Investing in der oben genannten Form ist mit prognosebasiertem Anlegen, sei es diskretionär oder systematisch, nicht vereinbar. Evidence-Based Investing ist aber auch nicht deckungsgleich mit systematisch-prognosefreiem Anlegen. Im Idealfall erfordert letzteres nämlich ein klares und umfassendes Regelwerk, das möglichst frei von zwischenzeitlichen diskretionären Veränderungen ist. Evidence-Based Investing kann dagegen durchaus auch erhebliche diskretionäre Elemente haben und erhebt keinesfalls den Anspruch, jederzeit komplett regelbasiert zu sein. Und systematisch-prognosefreies Investing muss nicht immer „evidence based“ sein. Einfache aber populäre Assetallokationen von 50/50 zu Aktien und Anleihen sind z.B. systematisch und prognosefrei aber kaum evidence-based zu begründen.

Evidence-Based Investing eignet sich nicht gut zu einer offiziellen Klassifikation von Investmentphilosophien, denn es wird kaum Portfoliomanager geben, die sich als Non Evidence-Based beschreiben würden. Ausserdem kommt die explizite Prognosefreiheit im Begriff nicht zum Ausdruck. Der Begriff Evidence-Based Investing ist daher nicht ideal zur Beschreibung der Anlagephilosophie geeignet.

Evidence-Based Investing ist demnach keine neue oder eigene Kategorie einer Investmentphilosophie. Man kann aber diskretionäre und systematisch-prognosefreie Investmentphilosophien in solche, die evidenzbasiert sind und in nicht-evidenzbasierte Ansätze unterteilen, z.B. in heuristische wie die 50/50 Allokation.

Ich bin überzeugt, dass systematisch-prognosefreie und auch Evidence-Based Investments künftig an Bedeutung gewinnen werden, z.B. in Form von Smart-Beta bzw. Faktorinvesting. Das liegt unter anderem daran, dass man systematisch-prognosefreie Ansätze besonders gut automatisieren und Evidenz-basierte Ansätze besonders gut erklären kann.

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