Archiv der Kategorie: Aktien

ESG-Research und Regulierung: Aktuelle Publikationen

Mein letzter Überblick zu Environmental, Social und Governance ESG-Research stammt aus dem Juli (siehe hier, aber aktuellere ESG-Forschungsergebnisse siehe auch hier). Im Folgenden kommentiere ich neues ESG-Research, das ich interessant finde. 

Das Research kann man ganz gut einerseits in solches einteilen, das die Performance von verantwortungsvollen Investments untersucht und andererseits in ESG-Research, das Investorenverhalten und Regulierung analysiert.

ESG-Research: Wieder Outperformance festgestellt

Wie schon in der umfassenden Metastudie von Friede/Busch/Bassen in 2015 (s. hier) herausgearbeitet wurde, scheint ESG eher positive als negative Auswirkungen auf Renditen zu haben, auch wenn „neutrale Wirkung“ schon reichen würde (siehe hier).

Ein seit Langem ESG-Kriterien nutzender Fondsanbieter stellt fest, dass “companies with good or improving environmental, social or governance characteristics have on average outperformed companies with negative characteristics” (Hermes Investment Management 2018, S. 4). Im Gegensatz zu früheren Analysen von Hermes wird angemerkt, dass die “governance premium has weakened and, for the first time, social factors now qualify as statistically significant” (S. 2; siehe Hermes Investment Management: ESG Investing: A social uprise. Global Equities Investment Commentaries 4/2018).

Ähnliches stellt auch MSCI fest (s. Seretis,Pano; Eastman, Meggin Twingh: Enhancing Economic Value with ESG, in: Sustainable Investment Handbook, UBS/PRI/MSCI, 2018, S. 84-100).

Scope  Ratings findet keine Performanceunterschiede im Vergleich zu traditionellen Investments in einer Analyse von über 140 von insgesamt 641 verantwortungsvollen Fonds (siehe hier).

ESG-Momentum: Lieber doch nicht auf die Schlechtesten setzen?

Hermes erwähnt ausdrücklich auch bessere Renditen mit Unternehmen, deren ESG Charakteristika sich verbessern. Anleger, die dem sogenannten ESG-Momentum- bzw. Progress-Ansatz folgen, investieren vorzugsweise in Unternehmen, die ein schlechtes – aber sich verbesserndes – ESG-Rating haben.  Um ESG-Verbesserungen zu erreichen, sollen auch Stimmrechte entsprechend ausgeübt werden.

Dier Ansatz führt aber zunächst zu Portfolios mit relativ schlechten Unternehmen in Bezug auf ESG-Werte (konzeptionelle Kritik hieran siehe DVFA S. 9 hier).

Auch in Bezug auf die Investmentperformance ist ESG-Momentum-Investing jedoch offenbar nicht unbedingt ideal. So findet MSCI heraus, dass Aktienmärkte am sensibelsten auf ESG-Informationen von Unternehmen reagierten, die keine extremen ESG Scores aufweisen, also weder sehr gute noch sehr schlechte (siehe Giese, Guido; Nagy, Zoltan: How Markets Price ESG. Have Changes in ESG Scores Affected Stock Prices? MSCI ESG Research Insights, November 2018, S. 3).

Auch der renommierte Harvard Professor Serafeim hat sich mit diesem Thema beschäftigt. Seine aktuelle Forschung ergibt, dass die Bewertungsprämie für Unternehmen mit guter “sustainability performance” mit der Zeit weiter angestiegen ist  (Serafeim, George: Public sentiment and the price of corporate sustainability”, Harvard Business School Working Paper 2018,Abstract).

Vielleicht sollte man also doch lieber in nach ESG-Kriterien gute statt in schlechte Aktien investieren?

ESG-Research: Viele ESG-Fonds sind Mogelpackungen

Fondsanbieter und Fondsmanager sind nicht immer sehr strikte ESG Anhänger. In einer aktuellen Untersuchung werden sogenannte ESG Fonds auf Basis der von diesen gehaltenen Aktien untersucht. Die Autoren der Studie kommen zu folgendem Fazit: Wie die meisten Investmentfonds werden auch erfolgreiche ESG Fonds vor allem aufgrund guter Reputation des Anbieters und der Marketingbotschaft des Fonds verkauft (sinngemäße Übersetzung). „Based on these, the ESG funds are indistinguishable from each other. The introduced Impact measurement framework uncovers vast differences between ESG funds. In the worst cases, the impact is negative, and the fund investor would have been better off by investing in an index fund rather than investing in the ESG fund in question (this probably would have been cheaper too!)” (Abele/Savilaakso 2018, S. 21).

“The total amount of ESG in any given ESG fund is low. Most asset managers tout their ESG credentials loudly and market their specific product aggressively ….. ESG claims have traditionally been easy to make and impossible for a client to verify. The introduced framework makes it clear that at amodest 11% of tracking error at most, the true measurable impact of any given ESG fund in a representative sample is far below what their messaging and positioning would imply” (Abele/Savilaakso 2018, S. 20; ähnlich StephanieMooij: Asset Managers’ ESG strategy: Lifting the veil, Smith School of Enterpriseand the Environment Working Paper 25th of November 2017, S. 2).  

“They clearly prioritize the provision of environmentally and socially positive products and services by their portfolio companies, but in turn have lower board independence, gender equality, and social impacts than their benchmark” (siehe Abele, Larry; Savilaakso, Antti: Measuring the Sustainability Impact of 25 European ESG funds, Impact Cube White Paper, 6.12.2018, S. 2).

In dieser Untersuchung wird auch das Tracking Error Konzept kritisiert (siehe auch hier).

Kritik an holdingbasierten Analysen

Für diese Studie wurden alle Aktien der jeweiligen Fonds analysiert. Das ist nicht immer so. So wird nachvollziehbare Kritik an den sogenannten Holding-basierten ESG-Ratings von Morningstar geübt (siehe Aberdeen Standard Investments: Die Elemente von ESG, Arbeitspapier, 8.10.2018): „Das kann dazu führen, dass ein Fonds, bei dem nur gut die Hälfte der Positionen bewertet wurde, mit einem Fonds verglichen wird, bei dem alle Positionen beurteilt wurden. Darüber hinaus nimmt der Schwellenwert auch keine Rücksicht auf die Gewichtung des Wertpapiers im Portfolio.“

ESG-Research: Analysten und Fondsmanager wollen keine Regulierung

Die von der renommierten CFA befragten Investmentprofis meinen zwar, dass ESG Faktoren im Investmentmanagement berücksichtigt werden sollten. Die klare Mehrheit will aber keine ESG-Regulierung haben (Sviatoslav, Rosov: The evolving future of fiduciary duty in an ESG world. A Survey of CFA Institute EU-Based Member, CFA Institute 2018, S. 26).

In Anbetracht der Ergebnisse der o.g. Studien ist es aber meiner Ansicht nach klar, daß eine Selbstregulierung der Anbieter nicht ausreicht.

Getrennte Analyse von E, S und G ist sinnvoll

Ob der CFA-Präsident eine ESG Regulierung wünscht, weiß ich nicht. Aber er hat klare Vorstellungen zum Thema ESG, die so auch von der DVFA vorgeschlagen werden (siehe DVFA S. 6): „Besser wäre es …, wenn man die drei ESG-Komponenten separieren und auch die erzielten Fortschritte bei allen drei Themen dann separat dokumentieren müsste“ (Paul Smith in Peter Köhler: Weg von den Lippenbekenntnissen, in Handelsblatt vom 5.12.2018).

Europäische ESG-Regulierung kann nach hinten  losgehen

In einem interessanten kritischen Dokument zur geplanten EU Regulierung zeigen die beiden Autoren der u.g. ESG Robo-Advisor-Studie, dass die geplante ESG-Regulierung der EU auch Nachteile haben kann. Sie haben die „Sorge, dass die EU-Kommission durch die Finanzialisierung von Nachhaltigkeit im Rahmen ihrer Sustainable Finance Agenda die Realisierung einer im strengen Sinne nachhaltigen Entwicklung je nach konkreter Ausgestaltung verfehlen könnte.“ Dabei diskutieren die Autoren unter anderem die Themen Finanzmarktstabilität, marktbeherrschendes Verhalten von Großanbietern und Greenwashing-Risiken (s. Winkler, Eric; Duscha, Markus: Finanzialisierung der Nachhaltigkeit?  Mögliche Auswirkungen des EU-Aktionsplans zu „Sustainable Finance“, Fair Finance Institute Diskussionspapier, Oktober 2018).

ESG-Research: Anleger wollen ESG-Angebote

Anleger sind auch für ihre Altersversorgung sehr an ESG Angeboren interessiert, wie eine neue Studie der renommierten Maastricht Universität zeigt: „We find that 66.7% of the participants favor to invest their pension savings in asustainable manner” (s. Bauer, Rob; Ruof, Tobias; Smeets, Paul: Get Real! Individuals Prefer More Sustainable Investments, Maastricht University Working Paper, November 19,2018, Abstract).

ESG-Research: Nicht alle Anleger sind opportunistisch

Die Wahl von Donald Trump zum USPräsidenten hat die Erwartungen an eine positive Klimapolitik der USA drastischreduziert. Wie zu erwarten war, haben CO2intensive Branchen daher zumindestkurzfristig an Wert gewonnen (s. Ramelli et al. 2018, Abstract).

Anders als erwartet wurde für Unternehmen mit verantwortungsvollen Strategien in Bezug auf Klimaänderungen aber ebenfalls eine positive Bewertungsentwicklung festgestellt. Die Autoren der Studie erklären das zumindest in Teilen mit dem strategischen Verhalten langzeitorientierter Investoren „ who looked into the future to assess the valuation of corporations” (siehe Ramelli, Stefano; Wagner, Alexander F.; Zeckhauser, Richard J.; Ziegler, Alexandre: “Stock Price Rewards to Climate Saints and Sinners:  Evidence from the Trump Election”, Harvard Kennedy School Working Paper, November 12, 2018, Abstract).

Erst wenige Robo-Advisors mit konsequent nachhaltigen Angeboten

Obwohl das Angebot an nachhaltigen Fonds und ETFs boomt (s. z.B. o.g. Scope Studie), gab es im November in Deutschland erst drei Robo-Advisors, die konsequent und transparent verantwortungsvolle Angebote machten (siehe Duscha, Markus; Winkler, Eric: Nachhaltigkeits-Quick Check “Robo-Advisor. Eine Analyse aufgrund der Erstinformationen  der Internetauftritte der Robo-Advisor,20.11.2018). Nach der Publikation der Studie sind mit Vividam und der Pax-Bank aber noch mindestens zwei weitere weitere Robo-Anbieter an dem Markt gekommen, die mit verantwortungsvollen Angeboten werben. Die meisten dieser Angebote basieren auf ESG-Fonds (Kritik siehe oben) oder ESG-ETFs (Kritik siehe hier).Trotzdem sind solche Angebote , wenn sie ehrlich vermarktet werden, ein Schritt in die richtige Richtung.

Verantwortungsvolle Investments im Vergleich: SRI ETFs sind besser als ESG ETFs

Bis vor Kurzem hat sich kaum jemand für sogenannte verantwortungsvolle Investments interessiert. Jetzt liest oder hört man fast jeden Tag etwas darüber und das nicht nur in der Fachpresse. Verantwortungsvolle Investments sind offenbar „in“. Das Problem ist, dass es keine anerkannte Definition von „verantwortungsvoll“ gibt. Manche Produktanbieter machen es sich leicht  Weiterlesen

Passivrisiken: Sind Regulatoren schuld?

Politiker und Regulatoren kritisieren die Macht von Fondsanbietern und fordern deren verstärkte Regulierung (siehe Luis de Guindos, Vizepräsident der Europäischen Zentralbank am 12.11.2018 auf der Euro Finance Week in Frankfurt und Debatte um Blackrock hier). Die angeblichen Risiken von ansteigenden passiven Anlagen stehen dabei im Fokus („Passivrisiken“). Das ist witzig. Denn Politiker und Regulatoren haben Anbieter passiver Fonds erst mächtig gemacht. Sie sollten lieber die Regulierung institutioneller Kapitalanleger ändern. Weiterlesen

Passivkritik: Passiv und ESG sind „gut“!

Passivkritik: Seit Friedrich Merz für den CDU-Vorsitz kandidiert, sind mehrere neue kritische Artikel über Blackrock –  den größten Investmentfondsanbieter weltweit und mit ishares auch einer der Weltmarktführer passiver Geldanlagen – und passive Geldanlagen im Allgemeinen erschienen (z.B. Dennis Kremer: Die neue Macht der Fonds in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 4.11., S. 35). Dabei werden passive Investments auch in Bezug auf ihre „Verantwortung“ kritisiert (siehe Christian Kirchner: Blackrock:  Warum Machtmissbrauch nicht das Problem ist, in Capital, 2.11.2018). Auch viele sogenannte aktive Fondsmanager meinen, dass verantwortungsvolle Geldanlagen nur aktiv erfolgreich umgesetzt werden können.

Bei der Kritik  werden manchmal einige Punkte vergessen oder nicht ausreichend gewürdigt: Weiterlesen

Personalisierung: Können nur Nackte reich werden? Oder: Fremd- versus Selbstpersonalisierung

Personalisierung ist ein heisses Thema: Der im Mai erschiene Global Retail Banking Report der Boston Consulting Group wurde „The Power of Personalization“ genannt. Aber im aktuellen Digital Banking Report mit dem Titel „The Power of Personalization“ heisst es: „94% of Banking Firms Unable to Deliver on ‘Personalization Promise“ (The Financial Brand, 4.9.2018). Dass Produktanbieter Vorteile durch Personalisierung haben ist klar. Aber gilt das auch für Anleger? Weiterlesen

Evidence Based Investment Analysis – New (first?) online trainings available

DVFA, the German association for financial analysis and asset management, has just published two training videos for Evidence Based Investment Analysis (English version and German version, initial DVFA EBIA publication see here; my last EBIA text see here). I am proud that I have been asked to develop and provide the trainings. According to my knowledge, they are quite unique. Here is the summary in English: Weiterlesen

Wie sollte man 3.000 Euro langfristig anlegen?

Ich habe mich mit „Regelbasiert-optimierungsfreie Geldanlage“ beim Comdirect Finanzblog Award beworben (Dort kann man die Bewerbung unterstützen, s.a. Comdirect Community). Dafür soll ich die folgende Frage beantworten: „Angenommen Du gewinnst den #fba18 und erhältst 3.000 Euro Siegprämie. Wie würdest Du diesen Betrag langfristig anlegen?“: Weiterlesen

Passive Outperformance von Indizes

Hier sind meine 10 Thesen zu Möglichkeiten der Outperformance von „Märkten“ (Die Thesen  und ihre Begründungen wurden zuerst am 3.8.2018 auf dem  RoboAdvisor Portal veröffentlicht):

  1. „Den Markt“ gibt es nicht: Das Multi-Asset Problem (siehe hier).
  2. Es fehlen gute Multi-Asset Benchmarks aber es gibt gute Selbsttestmöglichkeiten (siehe  www.portfoliocharts.com und www.portfoliovisualizer.com)
  3. „Passiv gibt es nicht“ bzw. das Index-Selektionsproblem (siehe  Indexselektion)
  4. Manche Indizes sind einfach zu schlagen
  5. Outperformance-Illusion von Faktorinvestments und Smart Beta
  6. Viele Studien zeigen, dass traditionelle Indizes auch ohne Faktorwetten einfach zu schlagen sind (siehe z.B. Söhnholz, D. (2012): Renditenorientierte Diversifikation 2.0 und Risiko-Overlays: Prognosefreie systematische Umsetzung, Arbeitspapier Söhnholz Advisors GmbH, 27.6 oder auch hier).
  7. Effiziente Trendfolge und die Outperformance-Illusion aktiver Risikomanager
  8. Größtes Problem ist falsches Anlegerverhalten bzw. falsches Market Timing (siehe z.B. hier).
  9. Empfehlung für Anleger: Einfach-Passiv ist besser als aktiv und ESG schadet nicht (siehe hier)
  10. Empfehlung auch für Robo-Advisors: Einfach-Passiv ist besser als aktiv und ESG schadet nicht (siehe auch hier).

PureESG ist besser als als SmartESG

Verantwortungsvolle ESG (= Environment, Social, Governance) Kapitalanlagen sind im Aufwind. Das gilt auch für sogenannte Smart Beta Investments. Neuerdings werden auch SmartESG Anlagen angeboten. Dabei besteht das Risiko der Überquantifizierung bzw. des Data Mining. PureESG halte ich für attraktiver.  Weiterlesen

„PureESG“ und „Reverse-ESG-Integration“: Beweisumkehr nötig!

Bei Wissenschaftlern und institutionellen Anlegern scheint sich die Meinung durchzusetzen, dass Geldanlage mit Berücksichtigung von Environment, Social und Governance (ESG) Kriterien weder Renditen senkt noch Risiken erhöht. Oft werden sogar positive Auswirkungen festgestellt (siehe auch hier). Dabei müssen ESG Anlagen gar nicht besser performen als andere Anlagen. Bei gleicher Performance spricht fast alles für die nachhaltige beziehungsweise verantwortungsvolle Geldanlage (s.a. hier). Daher ist eine Beweisumkehr nötig: Ignoranten von ESG-Kriterien müssen beweisen, dass ihr Ansatz besser ist! ESG-ETFs bzw. PureESG Portfolios von Diversifikator können dafür als Benchmarks genutzt werden.

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